Doch zuerst kommt die Selbstliebe
Neue LiebeO Blitz, der aus dem Tiefsten springt
Und mir durch jede Faser zuckt,
Der mich mit neuer Glut durchdringt,
Die sonst mein Inn'res still verschluckt;
Ich grüße dich viel tausend Mal
Und frag’ nicht: bringst du mir Genuss?
Denn du befreist mich von der Qual,
Dass ich mich selber lieben muss.
Friedrich von Schiller (1759-1805)
Lisa schwebt auf Wolke 7, ist unglaublich und über beide
Ohren verliebt. Nach vielen Jahren Singledasein, unterbrochen nur durch kurze
Affären, hat es endlich so richtig gefunkt zwischen ihr und dem Mann ihrer
Träume, nennen wir ihn Jacob. Gerade eben rief Lisa an, um ihre Teilnahme an
unserem Energizer Event abzusagen. Klar will sie jede Minute mit ihrem Liebsten
verbringen – und nicht mit uns im Seminar.
Das kann ich gut verstehen. Nichts ist schöner als verliebt zu sein. Die
Hormone fahren Achterbahn, die Schmetterlinge flattern im Bauch und wir Frauen
denken nur noch an den, der das alles auslöst.
So geht es Lisa und alles zieht sie mit Macht zu ihrem Liebsten – aber ihre
Bewusstheit hat (noch) nicht ausgesetzt. Daher sprechen wir über ihren
Konflikt: ICH selbst (und das gebuchte Seminar) oder ER
und die gemeinsame Zeit.
Heilloser Egoismus?
Die christliche Ethik, mit der die meisten von uns groß geworden sind,
beschwört diesen scheinbaren Widerspruch und fordert, den anderen mehr zu
lieben als sich selbst. Ein Missverständnis die Grundlage von Opfertum und
Missbrauch in unseren Liebesbeziehungen und Partnerschaften. Denn
eigentlich muss es heißen: Liebe den anderen wie dich selbst. Die
Liebe zum anderen ist also der Spiegel für die Selbstliebe. Wer sich selbst
nicht liebt, kann auch nicht den anderen lieben. Wer sich selbst nicht liebt,
kann sich keinem anderen Menschen öffnen und hingeben.
Wahrhaftig lieben und
geliebt werden können wir also nur,, wenn wir den innigen Kontakt mit uns
selbst finden und uns selbst in Liebe und Wertschätzung zuwenden – ein großes
Geschenk, das wir uns selbst geben können! Und das macht uns heil und ganz.
Die Sehnsuchtsfalle in Liebesbeziehungen: Er oder Ich?
Ein scheinbarer Widerspruch: Hier bin ich; dort ist der andere. Folglich kann
ich nicht bei dem anderen sein, wenn ich ganz bei mir bin – und muss wählen: er
oder ich.
In der überschwänglichen Honeymoon-Phase fällt diese Entscheidung schnell: für den anderen und das Gemeinsame. Wir geben der unstillbaren Sehnsucht nach dem Gefühl des Eins-Seins nach. Zur ursprünglichen Quelle dieses Eins-Seins allerdings dringen wir nicht und erfahren so diese schmerzliche Zerrissenheit – er oder ich …
Die Hinwendung zu sich selbst
In solch einer Situation gibt es nur eine Zauberformel: Wende dich dir selbst
zu! Denn in der Selbstliebe liegt die Quelle des Eins-Seins. Wer sich selbst
ganz gefunden hat, fühlt sich nicht getrennt vom anderen, sondern ist bereit
für die innigste Form von Verbundenheit, die die Freiheit akzeptiert, die in
der wahren Liebe wohnt.
Liebe und Freiheit gehören zusammen
Liebe bedeutet Freiheit. Wo keine Freiheit ist in der Liebe, ist auch keine
Liebe. Wo keine Freiheit ist in der Liebe, herrschen Angst, Opfertum und
Missbrauch.

Von Liebe und Freiheit
Liebe ohne Freiheit
ist wie ein Lied ohne Stimme,
wie ein Bild ohne Farben,
wie eine Blume ohne Duft.
Was also wird mit Lisa und Jacob? Ich habe noch nicht das ganze Gespräch
erzählt. In dessen weiterem Verlauf erkannte Lisa ihre Ängste, die sie
veranlassten, das Seminar abzusagen, um bei ihrem Liebsten zu sein: die Angst,
ihn zu enttäuschen, wenn sie nicht bei ihm ist. Dahinter wiederum versteckt
sich die Angst, ihn zu verlieren, wenn sie ihn enttäuscht. Und ganz auf dem
Grund schlummert die Angst, das gerade gefundene Liebesglück wieder zu
verlieren und erneut allein zu sein. Ängste treiben uns dazu, in
Liebesbeziehungen faule Kompromisse einzugehen (Kompromisse sind immer faul!),
alles für den anderen zu tun, uns selbst dabei zu vergessen. Wenn sich aber
einer für den anderen aufopfert, hinterlässt das im anderen immer eine
Bringschuld, die dann zur Belastung für die Partnerschaft wird. Das Gefühl,
sich nicht mehr aufrichtig in die Augen schauen zu können, kommt auf. Wenn wir
aber in Liebe uns von unserem Liebsten mal zurückziehen, weil wir etwas für uns
selbst tun, was uns sehr wichtig ist, ist das kommunizierbar und wird uns immer
die Akzeptanz und den Respekt unseres Partners einbringen.
Lisa selbst erinnerte sich an ihre Freundin, die sich ebenfalls vor zwei Jahren
zum Seminar bei uns angemeldet und dann abgesagt hat, weil sie sich kurz zuvor
verliebt hatte. Schon nach ein paar Monaten ging die Beziehung zu Ende und als
die Freundin den Mann nach seinen Gründen fragte antwortete er: „Du hast zu
viel für mich aufgegeben …“
Hinter Aufopferung steht immer die Angst, den anderen zu
verlieren –keine Liebe.
Viele Menschen lieben nicht wirklich, denn sie haben die wirkliche Liebe nie
erfahren. Sie verwechseln Liebe mit gegenseitiger Bedürfnisbefriedigung. Der
andere ist dafür da, dass er uns bestätigt, uns Wert gibt, uns vor dem
Alleinsein rettet und uns körperlich-sexuell befriedigt. Wahre Liebe steht
darüber. Das Lieben ist ihr wichtiger als der eigene Schmerz der Enttäuschung
und Desillusionierung. Auf dem Weg zur wahren Liebe hilft Meditation. Sie lässt
uns unseren Kleinmut, die Engherzigkeit, die Aufopferung und vor allem die
Angst vergessen. Meditation bringt uns in Kontakt mit dem tiefsten Grund
unseres Seins, unserer Essenz, die Liebe ist. Nur wenn wir diesen Kontakt finden
zu unserer wahren Natur (andere nennen dies auch Buddha-Natur oder
Christusbewusstsein) können wir wahrhaftig lieben – alles andere ist Illusion.
Hinwendung zu uns selbst
Lisa spürte diese Ängste sehr deutlich. Wenn diese Wunde der Angst in uns gärt,
ist es aber gut, uns nicht dem Partner zuzuwenden, sondern uns selbst. Nicht er
mit seiner Liebe soll uns heilen, denn das geht immer schief. Wir würden
nämlich dann anfangen, diese „Liebe“ auch von unserem Partner zu erwarten.,
Wir würden eine Bedingung stellen: „Wenn ich jetzt bei dir bleibe, musst du das
nächste Mal auch auf etwas verzichten, was dir wichtig ist, und bei mir
bleiben!“ Und schon beginnt ein Tauschgeschäft, bei dem sich beide einander
missbrauchen – um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und die eigenen Ängste
zu kompensieren.
Daher gilt: Wann immer wir diesen scheinbaren Widerspruch – er oder ich – in
uns erfahren, fehlen uns noch Selbstliebe und Selbsthinwendung, um ganz heil,
ganz eins mit uns selbst und eins mit der Liebe zu sein.
Lisa wollte noch einmal nachdenken …
Nachsatz:
Diesen Konflikt, von dem ich hier berichte, erlebe ich in vielen Coachings und
Therapiesitzungen mit Frauen, aber auch mit Paaren. Daher ist es mein Anliegen,
das Thema für viele Frauen und Männer zugänglich zu machen. Ich habe den
Eindruck, dass wir mittlerweile an einem Wendepunkt stehen, was die Gestaltung
unserer Liebesbeziehungen und Partnerschaften betrifft. Das kollektive
Bewusstsein verändert sich, indem die/der Einzelne mehr Selbstliebe und
-verantwortung wahrnimmt und praktiziert.
2. Nachsatz, einen Tag später:
Gerade erhielt ich einen Anruf von Lisa. Sie hat sich entschieden, am Seminar
teilzunehmen.